Sina Trinkwalder im Interview: „Du wirst nicht aus mir rauspressen, dass ich als Frau das arme Wesen bin, das in der Wirtschaft einen doppelt harten Weg führen muss.“

Sina Trinkwalder

Seit fünf Jahren produziert Sina Trinkwalder Textilien – und das in Augsburg statt in Fernost. 2011 kehrte Sie der Werbebranche den Rücken und gründete den ökosozialen Textilhersteller manomama, der vielfach ausgezeichnet wurde.

Über 150 Festangestellte beschäftigt die Sozialunternehmerin heute. Im Interview mit dem Vlow! Magazin spricht sie über die Einstellung hinter ihrem Erfolg, die unnötigen Frauenquoten und das notwendige Umdenken weg von der Globalisierung.

Franz Sauerstein, Vlow! Magazin: Es sind weniger als 20 Prozent der Geschäftsführer in Deutschland Frauen. Was denkst du, warum das so ist?

Sina Trinkwalder, manomama: Ehrlich gesagt: keine Ahnung. Ich mache mir über geschlechterspezifische Verteilungen keine Gedanken. Menschen sind Menschen.

Franz Sauerstein: Würdest du sagen, dass die Debatte um die Frauenquote, die momentan immer wieder durch die Politik geht, eigentlich sinnlos ist?

Sina Trinkwalder: Ich finde die Frauenquote völlig unlogisch. Sie ist nicht sinnlos, weil einige davon profitieren. Aber sie ist unnötig. Aus einem einfachen Grund: Ich persönlich hatte nie ein Problem, als Frau im Geschäftsleben meinen Weg zu gehen. Ich glaube auch andere haben Frauen das Problem nicht.

„Für mich stellt sich die Problematik Mann und Frau nicht.“

Es gibt mittlerweile ganze Studiengänge, in denen kaum noch Männer studieren. Nehmen wir einen Zahnarzt. Da gibt es fast nur noch Frauen. Das ist auch okay so.

Also noch mal: Für mich stellt sich die Problematik Mann und Frau nicht. Demnach empfinde ich Regelungen und Quoten, die ein spezielles Geschlecht protegieren oder bevorzugen, eher kontraproduktiv. Zum Beispiel auch in Bezug auf den Equal Pay Day. Natürlich verstehe ich den Wunsch, für gleiche Arbeit gleiches Geld zu bekommen. Das ist auch sinnvoll. Aber man darf es nicht nur auf die Frauen münzen.

„Es ist keine politische Aufgabe die Wirtschaft fair zu gestalten.“

Ein wunderbares Beispiel ist der Fashionbereich. Da bekommen männliche Models nicht einmal ein Zehntel der Gage wie weibliche Models. Es besteht genau das umgekehrte Problem. Aber hier schreit keiner. Von dem her ist es nicht Mann oder Frau, sondern Mensch. Alle Menschen müssen für die gleiche Arbeit das gleiche Geld bekommen.

FS: Mensch ist Mensch – Menschen sollten wie Menschen behandelt werden. Was würdest du dir statt des Engagements für Quoten und Regelungen von der Politik wünschen?

ST: Gar nichts. Es ist keine politische Aufgabe die Wirtschaft fair zu gestalten. Das ist ungefähr so, als würde ich zu dir sagen: „Hilf mir mal schlank zu werden.“ Das muss ich schon selber machen.

Es ist Aufgabe der Wirtschaft, ihre Strukturen fair, sauber, gleichgerichtet und gleichgestellt zu gestalten. Da hat die Politik keinerlei Einfluss zu nehmen. Sonst kommt es zu einer immer größeren Verwebung zwischen Wirtschaft und Politik hast. Irgendwann haben Politiker überhaupt keine Funktion mehr, weil sie nur Handlanger der Wirtschaft sind. Das ist die Situation, die wir wir momentan haben.

Eine ganze einfache, klare Ansage: Politik hat Rahmenbedingungen zu setzen, innerhalb deren sich eine Wirtschaft gestalten kann. Die Rahmenbedingungen müssen dabei gesellschaftskonform sein.

Wie sich eine Wirtschaft dann innerhalb dieser Rahmenbedingungen ausprägt, das sollte ihr selbst überlassen sein. Und sie ist auch selbst verantwortlich für die faire und saubere Gestaltung.

FS: Manche argumentieren, dass die Wirtschaft so wie sie in großen Teilen jetzt funktioniert nicht immer fair oder wirklich nachhaltig agiert. Wie kann es da zu einem Umdenken kommen, wenn nicht von oben? Es muss aus der Wirtschaft selbst kommen. Wie kann das funktionieren?

ST: Es kann leider nicht aus der Wirtschaft selbst kommen. Solange die Wirtschaft nur dem Geld hinterher hechtet und Erfolg durch monetären Reichtum definiert, wird sie sich nicht ändern.

Es wird vom Kunden eingefordert werden müssen. Und die Politik muss Rahmenbedingungen schaffen. Man kann die Wirtschaft ganz einfach deutlich fairer gestalten: weg von der Globalisierung. Die Globalisierung war nur für sehr wenige ein richtiger, gewinnbringender Schritt. Für die meisten, sowohl hier als auch dort, war es ein Verlust.

„Ich glaube, wir sind auf einem sehr guten Weg.“

FS: Wie kann das Umdenken im Kunden funktionieren? Wie bringt man die große Masse dazu, regional und vor Ort zu kaufen?

ST: Nicht von heute auf morgen. Ich bringe wieder mein Beispiel mit der Figur: Ich kann mich nicht 30 Jahre falsch ernähren und am nächsten Dienstag wieder aussehen wie Claudia Schiffer. Das braucht seine Zeit. Es geht nur durch das richtige Vorleben.

Ich glaube, wir sind auf einem sehr guten Weg, dass immer mehr Kunden hinterfragen: „Macht es Sinn, eine Mango aus Thailand zu konsumieren? Während ich hier, gerade jetzt um diese Jahreszeit, wunderbare Obstsorten vom Bodensee bekomme.“

Es dauert einfach seine Zeit. Ich glaube, dass der Kunde schon mitzieht. Aber nicht von heute auf morgen. Die kleinen Schritte sind wichtig.

FS: Das Stichwort Schritte passt. Wie kommt man dahin, wo du jetzt bist? Was war dein Werdegang von der Gründerin bis zu Unternehmerin mit 150 Festangestellten? Wie hat das funktioniert? Vor allem: Wie hat das in einer doch eher männlich orientierten Wirtschaft funktioniert?

ST: Die Männer in der Wirtschaft hatten mich nicht interessiert – es interessiert sie schließlich auch nicht. Eine gute Idee und eine ehrliche Grundhaltung setzt sich über alle vermeintlichen Hürden hinweg.

„Wie kommt man dahin? Einfach machen.“

Wie kommt man dahin? Einfach machen. Ärmel hochkrempeln, einen tiefen Atemzug nehmen und arbeiten. Mein beruflicher Erfolg ist 90 Prozent Transpiration und 10 Prozent Inspiration – ein altes Sprichwort, aber es stimmt.

Man muss sich ein bisschen mehr dreckig machen, was leider heute gerade die jungen Leute nicht mehr wollen. Es hilft nicht, ein bisschen Arbeitskreis zu machen, ein paar Projektchen zu skizzieren und drei PowerPoints zu schalten. Sondern du musst richtig arbeiten. Das müssen die jungen Leute lernen. Dann kommen sie irgendwann auch in den Bereich, Verantwortung übernehmen zu können.

Einfach machen. Nicht darüber nachdenken. Es gibt kein Patentrezept. Zuerst sehen: Was sind die Fähigkeiten? Vor allen Dingen für sich selbst erst mal herausfinden: Bin ich überhaupt ein Unternehmer? Oder bin ich nur ein Selbstständiger?

Ein Selbstständiger ist jemand, der innerhalb einer freiberuflichen Tätigkeit Verantwortung für sich selbst übernehmen kann. Ein Unternehmer ist jemand, der so viel Stärke im Rücken hat und sagen kann: „Ja, okay, ich kann auch nachts gut schlafen, wenn ich die Verantwortung für hundert andere Leute übernehme.“

Wenn ich alles mit „ja“ beantworten kann, wenn ich keine Angst aber doch Respekt vor Dingen habe, schaffe ich es. Dann einfach machen. Und immer einmal mehr aufstehen als du sollst.

Es ist dabei völlig egal, ob das in einer männlich oder weiblich dominierten Wirtschaft ist. Ich gehe nicht hin und sage: „Ja, ich gründe ein Unternehmen. Ach so, das ist eine männlich dominierte Branche. Nein, das mache ich jetzt nicht.“

„Du wirst nicht aus mir rauspressen, dass ich als Frau das arme Wesen bin, das in der Wirtschaft einen doppelt harten Weg führen muss.“

Es gibt schließlich auch sehr weiblich dominierte Branchen. Im PR-Bereich gibt es fast nur Frauen, ebenso im Pflegebereich. In der Kindererziehung ist es enorm weiblich. Wir suchen uns ja immer nur diese männerdominierten Branchen aus.

Noch mal: Du wirst nicht aus mir rauspressen, dass ich als Frau das arme Wesen bin, das in der Wirtschaft einen doppelt harten Weg führen muss.

FS: Das ist auch überhaupt nicht mein Ziel.

ST: Es ist auch falsch. Wenn ich mit der Einstellung hingehe, dann freue ich mich, wenn ich irgendwie oben bin, dass ich ein paar Almosen abbekommen habe.

Aber jeder hat dieselben Chancen. Egal ob Mann oder Frau. Man kann sich nicht auf das Geschlecht zurückreduzieren und sagen: „Ja, hier.“

Man muss es natürlich auch so sehen: Es lässt sich als Frau mit der Frauenquote ein bisschen faul werden. Was meinst du, wie viele Unternehmen mich angerufen haben – nicht weil ich Hirn habe, sondern zwei Titten. Ich habe sie alle abgelehnt. Ich lasse sie doch meine Titten nicht kaufen. Das ist für mich der falsche Weg.

Wenn jemand eine gute Idee oder das Zeug zum Unternehmer hat, oder bereits Unternehmer ist, dann ist es völlig egal was er für ein Geschlecht hat. Das war übrigens auch vor 100 Jahren schon so: Margarethe Steiff, Käthe Kruse. Madame Gourmand war eine großartige Textilerin vor 300 Jahren in Augsburg. Alles großartige Frauen im „männerdominierten“ Textilbereich.

FS: Danke für das Gespräch!

Autor: Franz Sauerstein

Franz Sauerstein schreibt für die Vlow! 2016 über Themen für Grafikdesigner und Architektinnen, Szenografen, Fotografinnen, Audio/Video-Gestalter und Führungskräfte aus den Bereichen Branding, Marketing und Werbung. Er selbst ist Berater, Moderator und Trainer und hilft mittelständischen Unternehmen online dramatisch mehr Umsatz zu generieren.

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